Testbild: Anthropologie des Testens

Wenn ich einmal traurig bin dann.. nein, trinke ich keinen Korn, dann kaufe ich mir die connect oder ein ähnliches Testblatt wie Guter Rat. Egal, irgendetwas wo irgendwas wie auch immer einem Labortest unterzogen wird um dann den ultimativen Kauftipp zu erhalten.  Etwas was man sich dann ohnehin nie kaufen wird.

Auf unheimlich Art hat dieses merkwürdige Genre der Testzeitschrift etwas Beruhigendes. Ein seriöser Aufmacher, bunte Bilder zum Träumen und dann aber auch die harte Testwelt. Kein Entkommen! Nun tritt die Wahrheit ans Licht, hervorgezogen durch die Haustechniker.  „Nun zu den inneren Werten“, um mal ein Wort zu gebrauchen.  Oder: „benchmarking“. Alles dient der inneren Ruhe. Das Ziel steht ohnhin schon fest (weil: von der Firma bezahlt). Nur der Weg dahin darf variabel ausfallen. Nicht zu variabel aber zumindest so dass man nicht gleich den „Fake“ erahnt.

Und das ist wahrscheinlich überhaupt die Basis des Testens: das Ergebnis steht schon fest. Es wird einfach herumprobiert: so auch bei Noten ob Schule, Arbeitsplatz oder Uni, das meiste steht schon fest und das ist auch gut so weil es beruhigt.

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Interessant wird es dann mit einem kleinen (historischen) Blick zurück, z.B. auf die damals in den den frühen neunziger Jahren kursierenden Hifi-Magazine, in denen auch schon wie wild getestet wurde. Sah aber damals seriöser aus. Die Sachen waren auch teurer. Oder lag das nur daran dass man selber weniger Geld hatte? Auf jeden Fall erinnere ich mich an ein edles Papier dieser Zeitschriften, und in kleinen Kolumnen, meist überschrieben von einer gekringelten Zahl, wurden dann auch Musikkritiken aufgeführt. Immer Dire Straits. (Glaube ich zumindest). Alles wurde herumgetestet und ich glaube zu behaupten dass man eine solche Kritik heute auch nochmal publizieren könnte und niemand würde irgendetwas merken. „Zeitlos“ wohl das schlimmste was man über einen Magazinartikel sagen kann. Oder ist es eben das Merkmal des Testens, das sich jeder Zeitbeschreibung entzieht, also gerade durch die Zeitlosigkeit attraktiv wird.

 

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Arnold Gehlen, Again

In den Skizzen und Notizen meiner nun schon nun einige Jahre zurückliegenden Dissertation fand ich noch einige Kritiken zu Arnold Gehlen. Gehlen machte mit dem Begriff des Menschen als Mängelwesen Furore. Dies fällt in die Kategorie psychologische Anthropologie, eine etwas ausgestorbene Disziplin, eine Disziplin, die einst – so stelle ich mir das zumindest vor- in den 1970er Jahren etwas wie die Hirnforschung der heutigen Zeit darstellte.

1.

Ein Wissenschaftler nannte Arnold Gehlen mal einen Fanatiker der Ordnung. Das trifft den Kerngedanken dieses Philosophen wohl ganz gut. Der Mensch als ein Wesen, als ein schutzloses nacktes Etwas, dessen Bestimmung darin liegt, Ordnung und Zucht auszubilden. Denn erst die menschengemachten Regelungen (sprich Kultur) machen den Menschen zum Menschen, denn: ohne seine Ordnungen kann der Mensch im biologischen Sinne nicht überleben. Gesetze und Ordnungsinstitutionen werden so zu einem verlängerten Körperteil des Menschen…

Aber es gibt auch Philosophen, die ganz ernst und konkret die Punkte Arnold Gehlens herauspicken und mit Argumenten widerlegen. So gibt Horst Pickert auf Seite 175 seines Buches die Kritik der Biologen an Gehlens Mängelwesentheorie wider: Denn laut Konrad Lorenz könne der Mensch gar kein Mängelwesen sein, denn ein Mängelwesen ware nicht lebensfähig.

Der Verhaltensforscher Iräneus Eibl-Eiblsfeld weist darauf hin, das das  Wort Mängelwesen voraussetzt, dass es so etwas wie etwas Vollkommenes gibt. Das gibt es aber nicht. Ausserdem komme es auf die Betrachtungsweise an. Einige Nachteile sind in manchen Situationen Vorteile: So ist die Haarlosigkeit entstanden, umd dem Menschen in Zusammenhang mit der Entstehung von Schweissdrüsen die Möglichkeit des Jagens in heisser Umgebung zu geben: Der Mensch kann sich kühlen (und in Zusammenhang mit seinem entwickelten Gehirn sich bedecken, wenn es kalt ist.

2.

Veit Steinkamp weist auf die Notwendigkeit hin, gleich die Ausgangsposition Gehlens zu kritisieren. Denn Gehlen abstrahiert indem er das ganze Vorhandensein des nichtmenschlichen vom Menschen abzieht und sagt: seht her, der Mensch könne ohne die Institutionen gar nicht überleben. Dies ist eine unzulässige Abstraktion, denn es gibt und gab nie eine Situation, in der es den Menschen blos gegeben hätte. Der Mensch ist immer von Institutionen umgeben und wenn man diese abstrakt abzieht, heisst es nicht dass der Mensch ohne diese überleben könnte. (Steinkamp S. 214: „Der Mensch wird in den fiktiven Zustand der wehrlosen Lebensunfähigkeit versetzt, um zu zeigen, dass er ohne Technik seine Existenz nicht sichern kann)

2. Gehlen geht immer vom Einzelmenschen und dessen Position zur Umwelt aus. Er lässt die Interaktionen zwischen Menschen einfach weg. Doch auch die Position des Einzelmenschen ist eine angenommen, abstrakte, in der Realität niemals existierende.

3. In Gehlens Theorie ist das Vorhandensein und die Entstehung der Technik zwangsläufig- Technologie wird deterministisch erklärt. Steinkamp schreibt auf Seite 214 seines Buches, dass bei Gehlen jedes Vorhandensein jedweger Technik als biologisch notwendig erachtet wird, denn der Mensch ist ja ein Mängelwesen und die Technik ja ein Organ. Der Zufall der ja auch zur Erfindung mancher Technik geführt hat, wird einfach ausgeblendet

Abschliessend möchte ich herausstreichen, dass Steinkamp  Gehlens Herangehensweise als systemtheoretisch bezeichnet, d.h er erklärt Menschen und Technik zusammen unter einer übergeordneten Funktion. Die Technik wird Teil des Menschen, Mensch und Technik (bzw in Gehlens Falle Institutionen, dh. Ordnungen, Regeln) werden eins. Das Vorhandensein von Regeln, sozialen Instiutionen wird biologisiert. Insofern hat Gehlens Text doch eine gewissen Relevanz- vor allem für die Geschichte der deutschen Kybernetik, zieht man zum Beispiel das Buch von Hermann Schmitt: Regelungstechnik und die Gründung seines Institutes von 1940 heran. Oder als Hausphilosoph der Verwaltungsfans..

Arnold Gehlen und die Biopolitik vor dem Zeitalter der Biopolitik

Im gewissen Sinne findet sich bei Gehlen eine Form der Biopolitik vor der Erfindung der Biopolitik. Gehlen formuliert, dass der Mensch als unfertiges Wesen auf die Hilfe von Institutionen (Technik) angewiesen ist um zu überleben. Gehlen vermenschlicht die Institutionen, diese werden zwangsläufig: es gibt keine menschliche Gesellschaft ohne Ordnung, denn die Ordnung (die sich in Institutionen äußert) ist schon im Menschen angelegt, denn ohne diese Ordnungen würde er nicht überleben. Diese Behauptung dass der Mensch ein solches Mängelwesen darstelle, wurde von Veit Steinkamp als unzulässige Abstraktion kritisiert. Steinkamp kritisiert überhaupt sehr viel, doch auch er muss Gehlen zugestehen, dass dieser eine Systemtheorie vorwegnahm. Denn Gehlen „eint“ Mensch und die ihn umgebende Technik, indem er beide unter die ihnen übergeordnete Funktion subsummiert. Insofern wäre es schon ganz interessant zu sehen, wie Gehlen soziokulturell verortet war und warum er gerade im Jahre 1940 auf diese Ideen kam. Handelt es sich bei Gehlens Buch um die erste Formulierung der Kybernetik? Und wie wurde Gehlen von Hermann Schmitt beeinflusst? Standen beide unter dem Eindruck einer Maschinisierung des Menschen durch die Menschen und Technologieschlacht des zweiten Weltkrieges?

Leben im Anthropozän

Seit dem Zeitalter der Industrialisierung hat sich der Mensch massiv in seine Umwelt eingeschrieben. Er, der einst Teil des Gesamtheit der Erde war, schwang sich zum Herrscher über alle auf. Das „Gleichgewicht“ hat sich verschoben: zugunsten des Menschen und zuungunsten der Erde .

Anthropozän meint: die menschliche Existenz hat einen sichtbaren Abdruck im Ökosystem der Erde hinterlassen (so formuliert es Wikipedia). Laut dem amerikanischen Wissenschaftler Paul Crutzen war es der italienische Geologe Antonio Stoppani, der zum ersten Mal (1873!) diesen Ausdruck gebraucht hat. Das Konzept des Anthropozän ist sicherlich noch ein bisschen schwieriger zu fassen, doch allgemein liesse sich sagen, dass es heute genutzt wird um die veränderte Mensch-Erde Beziehung zu fassen

Es mag vielleicht kein Zufall sein, dass die Person die diesen Ausdruck des Anthropozäns geprägt hat, Antonio Stoppani, als Geologe und als Paläontologe gearbeitet hat. Geologie ist strenggenommen weder eine reine Naturwissenschaft noch eine historische Disziplin: Sie ist als historisch zu bezeichnen ist, da sie zu ergründen sucht was bereits geschehen ist.

Der Punkt, der mich am meisten fasziniert an diesem Konzept des Anthropozäns ist, dass es Facetten der Naturwissenschaft mit der der Geisteswissenschaften vereint. Es ist ein Versuch (zumindest von einem akademischen Standpunkt aus) die Geschichte der Menschheit in enger Verbindung zur Natur zu sehen; sozusagen als „Big History“. Die Frage wäre vielmehr welche Rolle Historiker in dieser Zukunft eines Anthropozäns besitzen, bzw ob sie dann nicht ihre Rolle verändern müssten – obgleich auch die Frage nach der Entstehung des Begriffs Anthropozäns nur historisch zu erklären ist.

 

Kinder können nicht erzählen

Der Titel -etwas rätselhaft- verweist darauf dass Kinder oft nicht erzählen können. Sie brechen ab, halten den sogenanntem Spannungsbogen nicht ein,  führen unlogische Elemente ein und sind nicht konsistent. Doch diese Kritik verkehrt sich womöglich ins Gegenteil denn vielleicht sind es gerade diese Brüche, die – ich weiß gerade keinen besseren Ausdruck- das Erzählte stärker an das was war heranrücken. Die erlebte Zeit wird als etwas kaum in Worte Fassbares erinnert. Gerade der perfekt formulierte Handlungs und Erzählbogen verweist nur auf einen Text und eben nicht auf das was erlebt wurde. Oder erleben wir nur das was wir uns vorher ausgedacht haben damit es sich schön erzählen lässt?- Das wäre eher traurig.

So ist vielleicht gerade das Unvermögen etwas erzählen zu können ein Akt der viel stärker an dem wahren Erlebnis liegt.

Ecology: The Result of Bridging Property, Territory And Life

How have political debates on property and territory influenced spatial concepts of life?

human spaceflight and the conquest of the seabed – they do have a connection. They were both part of a broader process evolving around the creation of new spaces (territories) for humans and a debate on its ownership: The life of humans in hostile environments such as outer space and seabed could only be maintained through providing artificial worlds – and these artificial worlds would be the property of the one who made it.

Artificial worlds would not only be controlling the lives of humans there, they would also change the concept of property and territory. Furthermore, both concepts- adapting humans to new atmospheres as well as the debate on the ownership of the seabed- would not have been possible without the concept of ecology, emerged as a science in early 20th century. The scientific discipline of ecology – already started in the 1920s by botanists and limnologists with the attempt to study the relation of organisms within a unit instead of solely the individual organism- provided a useful tool in order to develop new spaces. The underwater laboratories were in this sense experiments of placing humans in an artificial new world.

Die Postmoderne und das „unrettbare Ich“: Willem L. van Reijen

 Im Gegensatz zu den meisten anderen Aufsätzen, die sich im Wirrwar der Begriffe verlieren, gibt der Philosoph Willem van Reijen eine wirklich klare und hellsichtige Bestimmung der Postmoderne. In: Die Frage nach dem Subjekt, hg. Manfred Frank, Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1988, 80-102.

Sehr interessanter, zudem locker und lesenswerter Artikel, der eine gewisse Ordnung in den Wirrwarr der Begrifflichkeiten bringt. So ist zum einen überhaupt nicht klar, ob es überhaupt die Postmoderne als eigene Epoche gibt oder ob sie eher doch Bestandteil der Moderne ist und so das Projekt der Moderne „rettet“.

Van Reijen ist allerdings der Meinung dass es sich bei der Postmoderne durchaus um etwas Eigenständiges handelt, da deren Vertreter eine Kritik an der Moderne äußern. (Reijen erwähnt Habermas, der weiterhin die Moderne verteidige und auf einen Erkenntnisfortschritt beharre – auch wenn Habermas einräume, dass manche Erkenntisse auf Nebengleise abgeschoben würden). – Es handle sich bei den Diskussionen um die Moderne und Postmoderne im Kern um eine Diskussion um die Rolle des Subjekts.

So lässt sich die Postmoderne als eine Epoche bezeichnen, die mit dem Subjektbegriff der Moderne bricht. Doch lauern hier einige Fallstricke. Zum einen gibt es die Verwechslung zwischen Subjekt und Individuum.

1. Auch wenn der Mensch als Objekt behandelt wird, so bleibt er doch Immer Individuum. Sklaven mögen Objekte sein, doch bleiben sie Individuen

2. Auch wenn Wissenschaft objektiv betrieben wird, handelt es sich bei denjenigen, die Wissenschaft betreiben, doch um Subjekte. Es sind also keinesfalls Computer, die einen Verlust/Ende des Subjekts behaupten, sondern es sind letzlich Subjekte, die solche Behauptungen aufstellen. Wissenschaft mag objektiv sein, doch einzelne Wissenschaftler können niemals objektiv sein

3. Das reine Subjekt oder die reine Subjektivität gibt es nicht. Niemand ist eine Insel- jede subjektive Unternehmung greift auf etwas zurück, was schon da ist.

4. Mit der Aufklärung beginnt die Verknüpfung von Subjekttheorie und Fortschrittstheorie

5. Nicht alles was funktioniert ist vernünftig- hier setzt der Irrationalismus der Postmoderne ein. Denn die postmodernen Denker setzten zu Recht ein, dass die automatische Gleichschaltung von Vernunft und Dingen, die funktionieren, nicht immer zutrifft.